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Die "Eigenversorgungs-Lücke" - und wie sie die Argumentations-Lücke schließen sollte

Es ist nicht klar: heißt es jetzt nach der neuen deutschen Rechtschreibung "Die Tiroler werden irre geführt" oder heißt es "Die Tiroler werden irregeführt"? Wahrscheinlich sind beide Schreibweisen möglich.
Jedenfalls wird, was die derzeitige Stromproduktion in Tirol und die Selbstversorgung des Landes betrifft, gelogen, daß sich die Staumauern biegen. Klar ist zunächst einmal nur, daß Herr Wallnöfer von der TIWAG, wenn er von "sinkender Eigenversorgung" spricht, nicht seine eigene meinen kann, die er vom Stadtratposten in Innsbruck über den Direktor der IKB bis zum heutigen Vorstandssalär (von jährlich an die 300.000 Euro) zielstrebig zu steigern gewußt hat. Von den berühmten Pensionsregelungen ganz zu schweigen. Aber reden wir nicht von dem, was er bekommt, sondern von dem, was er verdient. Und das soll er hier bekommen.

Wir haben ein lustiges Rechtssystem. Die Lüge ist nicht klagbar. Aber die Lüge eine Lüge zu heißen sehr wohl. (Wenn man diese Handhabung auch auf Mord ausdehnen würde, wäre unser Strafgesetz noch lustiger.) Sie soll im folgenden deshalb auch keine genannt werden. "Der Anteil der Eigenversorgung Tirols aus Tiwag-Anlagen" ist, behauptet Wallnöfer, "auf nur noch 53% abgesackt" (TT, 17.6.04). Wahr ist vielmehr:
Vom derzeitigen Tiroler Strombedarf liefert die TIWAG 90 Prozent, die restlichen 10 Prozent kommen von Stadtwerken, Gemeindewerken und privaten Anlagen. Von diesen 90 Prozent (4.656 Mio. kWh) erzeugt die TIWAG lt. "Geschäftsbericht 2003" 3.244 Mio. kWh "in Kraftwerken der Tiroler Wasserkraft". Das sind nicht 53 Prozent, wie der TIWAG-Vorstands-Chef uns vorrechnet (TT, 29.5.04) und auch nicht 63 Prozent, wie der TIWAG-Aufsichtsratchef uns vorrechnet, sondern genau 69,67 Prozent. Zu dieser Eigenerzeugung kommen noch Lieferungen aus österreichischen Kraftwerken, an denen die TIWAG entweder beteiligt ist (z.B. Dürnrohr) oder aufgrund von Wasserabtretungen (z.B. Zillertal, Silvretta) fixe Bezugsrechte zu den Gestehungskosten besitzt. Diese Lieferungen kommen damit der Eigenerzeugung gleich und wären zu den 69,67 Prozent dazuzuzählen. Das heißt, wir sind schon bei ca. 75 Prozent.
Von den selbst erzeugten 69,67 Prozent und den von Verbund und Illwerken zugeschossenen Mengen geht ein guter Teil Spitzenstrom ins Ausland und wird gegen Grundlaststrom abgetauscht. An das alte TIWAG-Märchen vom Abtauschverhältnis 1:4 braucht ja niemand zu glauben, aber schon bei einer bloßen Verdoppelung der Menge durch den Abtausch kämen beispielsweise für gut 25 Prozent exportierte Spitzenenergie (die von den 75 Prozent abzuziehen wären) 50 Prozent zurück und die 100 Prozent Eigenversorgung der TIWAG-Kunden wären gesichert. Wenn die TIWAG natürlich (oder widernatürlich!) noch immer sehr viel Spitzenstrom entgegen ihrer Propaganda ins Ausland verkauft, statt ihn dort gegen eine größere Menge Bandstrom abzutauschen, dann sinkt der statistische Grad der Eigenversorgung. Wenn ich von meinen drei Jausenbroten eines verkaufe, wird meine Eigenversorgung auf 66 Prozent sinken. So einfach ist das. Wenn von dem im Kaunertal erzeugten Spitzenstrom immer noch zwei Drittel rein gegen Bezahlung exportiert werden, werden sie für die Deckung des Eigenbedarfs fehlen. Dafür muß dann klarerweise eine gewisse Menge importiert werden.
Deswegen zu sagen, "Wir sind zum Strom-Importland geworden." (TT, 17.6.04), wie es der oberste TIWAG-Propagandist tut, zeigt, welchen Grad an Dummheit er sich bei den Menschen wünscht und damit unter welchem er selbst zu leiden hat, wenn auch ohne besonders darunter zu leiden. Vor einem Jahr noch, also bevor van Staas Bauwut ausgebrochen ist, ließ TIWAG-Chef Hönlinger wissen, daß "TIWAG und Tauernkraftwerke zu jeder Jahreszeit Netto-Stromexporteure" sind (TT, 10.10.2003). Und Landesrat Streiter, an sich auch schon vom Kraftwerksbau-Virus infiziert, plauderte kürzlich unvorsichtigerweise aus dem Nähkästchen (statt aus dem Schmähkästchen): "Wir erzeugen an die 100 Prozent unserer elektrischen Energie im Lande selbst." (TT, 8.5.2004)

Ja, das kann natürlich lt. Wallnöfer "die Versorgungssicherheit und die Unabhängigkeit Tirols massiv gefährden" (TT, 17.6.04). 1989 hat die TIWAG auch schon einmal einen "ernstlichen Strommangel Mitte der neunziger Jahre" (TIWAG-Pressesprecher H. Neudecker in der Presse, 31.10.1989) prophezeit, an dem sie dann fast ersoffen wäre.
Die TIWAG kann in ihren drei Speicherkraftwerken heute ca. 1600 Gigawattstunden Spitzenstrom erzeugen. Diese Menge ist in dieser Qualität dzt. nicht absetzbar und muß daher - ungeachtet der teuren Anlagen - teilweise als Massenprodukt Bandstrom ins Ausland verscherbelt werden. So stehen, heißt es in einer TIWAG-Presse-Aussendung vom 23.5.2003, "für ganz Südtirol 330 Millionen Kilowattstunden aus eigener Produktion zur Verfügung". Dies allein entspricht dem Eineinhalbfachen der Achensee-Produktion.
Die oberste Stromaufsichtsbehörde Österreichs, der Chef des Stromregulators E-Control, Walter Boltz, sagt laut TT vom 22.2.03 zur Entwicklung in Europa: "In Deutschland, der Schweiz und Österreich werde es auch in einigen Jahren noch ein Strom-Überangebot geben, und auch EU-weit würden die Überkapazitäten bis 2005 von derzeit 18% nur auf 15% sinken."
Wenn der Beweis für die Hohlheit der politischen Phrasen von "autarker Eigenversorgung" (Wallnöfer) und "Unabhängigkeit für Tirol" (van Staa) noch erbracht werden muß, soll es denn sein. Vor ein paar Jahren, als van Staa noch Bürgermeister der Stadt Innsbruck und Wallnöfer noch sein Direktor bei den Innsbrucker Kommunalbetrieben IKB war, gab man sich weit weniger staatstragend: Angesichts der bevorstehenden Stromliberalisierung drohte van Staa der TIWAG offen, "daß er den Stromlieferanten sofort wechseln würde, sollte die TIWAG der Stadt nicht entgegenkommen", heißt es in der TT vom 30.1.98. Und: "Das günstigste Angebot wird in der Landeshauptstadt das Rennen machen, schließlich hat auch Lokalpatriotismus seine Grenzen. ‚Dann kaufen wir halt in Deutschland oder in einem anderen EU-Land zu’, unterstreicht van Staa."

27.9.2004


 
 krisenstab


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